Geschichten a.d. Sternenreich: Kapitel I - Saphira, die Hexerin des Grauen Zeitalters


Von Benjamin Brüninghaus
12 Min. Lesezeit

Geschichten a.d. Sternenreich: Kapitel I - Saphira, die Hexerin des Grauen Zeitalters

„Hey, ihr da! Was faselt ihr denn da? Wie ich höre, schwärmt ihr von einer alten Hexerin? Aber ist es wirklich nur ein Märchen, von dem ihr da so leichtfertig blödelt?“

Ein Mann sprach aus einer dunklen Ecke in einem herbstlichen Wald, durch den das Abendlicht der untergehenden Sonne schimmerte. Er trat in das Licht des Lagerfeuers ein und sah sich in aller Seelenruhe um. 

„Erschrecket nicht, Reisende. Ich bin es nur. Ein armer Landstreicher auf seine alten Tage. Habt ihr womöglich einen kleinen Teller Suppe und ein Stück Brot für einen alten Mann zu erübrigen? Das wäre herzallerliebst, denn ich habe seit Tagen nichts gegessen.“

Der schrullige Tattergreis war recht groß für sein gehobenes Alter und versteckte eine prächtige Statur unter seinem langen Mantel. Er wirkte schon ein wenig in die Jahre gekommen.

Er ging ein paar Schritte auf das Lagerfeuer zu, das von jungen Steinzwergen zum Fleischkochen aufgestellt wurde. Mehr schlecht als recht, aber es sollte eine Zeit lang halten. 

„Ist es nicht die sagenhafte Zauberin, die ach so berühmte Hexerin des Grauen Zeitalters, die noch heute in den Köpfen der Menschen umhergeistert?“ 

Der Mann schaute in die Runde und spottete lauthals: „Doch was wisst ihr schon? Dass ich nicht lache, ihr winzigen Rabauken!“

Die Zwerge waren kaum im Erwachsenenalter. Sie witzelten und tranken einen Humpen Hirnfrost. Ein Gebräu, das nur bei den Steinzwergen der Region rund um den Südlichen Donnerberg der Wrostlande Anklang finden konnte. Den Steinzwergen war es es schlicht und einfach in die Wiege gelegt worden, einen kühlen Kopf zu bewahren. Wer das bei dem tosenden Gebrüll eines solch erbarmungslosen Landes wie der Wrostlande nicht schaffte, war ganz schnell ein munterer Zwerg. Dass ein Hirnfrost mit der einen oder anderen Umdrehung im Gesöff daherkam, störte die meisten dabei nur herzlich wenig. Im Gegenteil. 

Südlicher Donnerberg der Wrostlande: Die südlichsten Lande. Der einzige Teil im Sternenreich, in dem die elektrisierende Witterung unaufhörlich bebt, peitscht und zischt. Mit reißenden Gewittern und tobenden Blitzen ist dies kein Stück eines ruhigen Landes, in dem sich ein Mensch mit seinen Kindern niederlassen möchte. Es ist ein unbequemer Ort, an dem sich nur ein Zwerg wie zu Hause fühlen könnte.

Steinzwerge besitzen von Natur aus eine blitzableitende, steinerne Haut, durch die ihnen die Gewitter in ihrer Heimat nicht viel anhaben können. Doch manchmal lädt sich ihre Haut unbemerkt elektrisch auf, was immer wieder zu Scherereien bei jüngeren Zwergen führt.

Der finster dreinblickende Mann holte tief Luft und begann in die Runde zu sprechen.

„Lasset einen alten Mann zu Wort kommen, der mehr auf seine alten Tage gesehen hat, als ihr Plagegeister zu Lebzeiten in euren feuchten Windeln gehört haben möchtet“, lachte der Mensch überraschend herablassend und doch heiter, der sich scheinbar an den Lauten seiner eigenen Worte erfreute.

„Das ist doch nur Geschwätz. Ihr könnt nichts als labern!“, spottete der Ergraute weiter. „Hört ganz genau zu, denn ich erzähle es nur einmal.“

Der Fremde setzte sich in bequemer Haltung ans Feuer und wärmte seine zerzausten und ungepflegten Hände. 

Die Steinzwerge freuten sich über den menschlichen Besuch, der nur allzu gerne in zwergischen Kreisen gesehen war.

Ihnen war die herablassende Art des Menschen natürlich nicht entfallen. Doch es gibt nichts, was sie in ihren jungen Zwergenjahren nicht bereits von einem hochnäsigen Menschen gehört hätten. Sie respektierten einen guten, rhetorischen Schlagabtausch und erfreuten sich an der Abwechslung, die der Mensch in ihre kleine Karawane brachte. 

„Saphira. So lautet ihr Name. Oh ja, ich erinnere mich gut.“

Die Zwerge lauschten seiner beruhigenden Stimme, während sie ihren gebratenen Fisch aßen. Der Mann wirkte in sich gekehrt. Als spräche er aus den tiefsten Grotten seiner Erinnerungen. Es klang so, als würde sich jemand nach einem Erdrutsch aus verschütteten Höhlen befreien und das tat er wohl aus unerklärlichem Grund an diesem wohligen Abend. 

„Saphira ist wunderlich und eine rätselhaft mystische Hexerin mit zwei Gesichtern. In der Tat einzigartig auf dieser Welt und nicht zu unterschätzen. Wer also ist diese Frau, die schon länger als ein ganzes Jahrhundert unter uns weilt und sich im ganzen Land als frostige Hexerin einen Namen gemacht hat?“

Der Mann, den das Leben gezeichnet hatte, legte seinen abgenutzten Kampfstab zur Seite. Dieser erinnerte in seiner Aufmachung an die verzauberten Stäbe der Magier aus Khalsur.

Khalsur: Eine finstere Stadt der Menschen am westlichen Rande des Sternenreichs mit einem auffällig hohen Wachturm und einem steinernen Ziggurat am nördlichen Ende. Sie ist so dicht bewaldet, dass kein Sonnenstrahl je die Stadt erreichen könnte. Doch in manchen Nächten schaffen es die eisigen Strahlen des Dunkelmonds, die Stadt zu erhellen. Reisende sprechen von einem Spuk, der das Gebiet heimsuchen soll. Womöglich sind es aber nur die Kampfmagier von Khalsur, die geheime Rituale in ihrem Ziggurat praktizieren. 

Auch der hölzerne Freund des älteren Herren hatte schon bessere Tage gesehen, was zu seinem Aussehen passte und der heruntergekommenen Gestalt des Mannes in gewisser Weise Ausdruck und ein Quäntchen Charakter verlieh. Und doch wirkte er wie eine traurige Gestalt, die nur auf ihr Ableben wartete.

Aber nicht in dieser Nacht.

„An jedem Tag, an dem die Sonne scheint, dient sie als Hexerin. Dem ach so machtvollen Orden des Sternenkristalls. Habt ihr schon einmal von ihm gehört?“

Es war mehr eine rhetorische Frage, denn er ließ den Zwergen keine Zeit zum Antworten.

„Der magische Orden studierte schon immer die Mysterien dieser zerklüfteten und von Hass, Leid und Trauer zerfressenen Welt. Und er sorgt sich ganz nebenher um das Gleichgewicht im Reich. Wenn die Balance in vergangenen Zeitaltern aus den Fugen geriet, so war es doch stets der Orden, der rechtzeitig zur Stelle war, um dem Unheil Einhalt zu gebieten. Und so ist es noch heute, wenn ein Unglück naht. Aber das wisst ihr natürlich bereits. Ist es nicht so?“

Obgleich nur wenig über die geheimen Zeremonien der fünf Erzhexerinnen bekannt war, die einmal im Jahr zur dunkelsten Stunde der Wintersonnenwende aufeinandertrafen, kannte doch jeder im nördlichen Teil des Sternenreichs den Namen des Ordens und die Namen der fünf Erzhexerinnen. 

„Doch Obacht. Der Orden des Sternenkristalls ist nur ein wackliger Pfeiler, auf dem die Welt wie ein Kleinkind zu stehen vermag. So viel ist mal sicher“, gähnte der Alte.

„Doch muss auch ich eingestehen, dass seine Arbeit ungemein wichtig ist. Wenn es den Orden nicht gäbe, würde heute schon lange kein Sternenreich mehr existieren. Und ihr guten Zwerge könntet euch nicht an diesem widerlichen Gesöff erfreuen. Das stünde mal fest“, sann der Tattergreis und blickte in das lodernde Feuerholz. 

Narsi, der jüngste Zwerg der Karawane, fühlte sich angesprochen und schaute stirnrunzelnd auf seine bärtigen Mitstreiter. Doch der Fisch schmeckte zu gut, als dass er dem Mann auch nur allzu viel Beachtung schenkte. 

„Und genauso bekannt wie der Orden höchstselbst sind die Mitglieder, von denen es nur eine Handvoll geheimnisvoller Gestalten gibt, die überhaupt die Macht besitzen, in jene Kreise aufgenommen zu werden.“

Das Lagerfeuer knisterte und ein Zwerg rülpste, was durch die angenehme Stimmung drang. Doch der alte Mann war wie gefesselt von seinen eigenen Worten.

„Wahre Magie ist heute nur selten im Sternenreich anzutreffen und das ist vielleicht auch besser so.“

Ein älterer Zwerg unterbrach ihn: „Doch eines solltet ihr wissen. Das war nicht immer so! Sie ist selten, seit dem Krieg der Drei Drachenfürsten sämtliche magiebegabte Hochmenschen, Steinzwerge, Bersorks und sogar die listigen Elfenranger vom Antlitz dieser Welt verbannte. Seither gilt es als Wunder, wenn die Magie in einem Lebewesen gedeiht. Genauso wie als Vorbote eines nahenden Unheils!“

„Das ist richtig. Und Ihr seid?“

„Hackbert. So lautet mein Name, werter Herr.“ 

Der alte Mann blickte den Steinzwerg schief an und verlor sich kurz darauf wieder in seinen Gedanken. Er hatte seine besten Tage hinter sich gelassen und doch loderte ein unübersehbares Feuer in ihm, als er über die Erzhexerin sprach. Es schien gar so, als würde der Glanz in seinen Augen wie ein Streichholz entzünden.

„Ein Mitglied des Ordens des Sternenkristalls ist die hochbezaubernde Saphira. Sie ist ein Mensch… und eine seltene Spezies zugleich“, fuhr er fort.

„Sie strahlt eine angenehme und einnehmende Weisheit aus, ganz so wie eine Prinzessin, die nur darauf wartet den Platz einer Königin einzunehmen. Und doch meisterte sie die lächerlich-seltene Frostmagie bereits in ihren jungen Jahren. Sie vereinte ihre Fähigkeiten mit der hohen Kraft des Dunkelmonds. Und es entstand eine einzigartige Macht, wie es sie im Sternenreich noch nie zuvor gegeben hatte. So weit ich weiß, gibt es keine Hexerinnen, die mehr als nur eine Form der Magie zur gleichen Zeit beschwören können. Und ich frage mich, ob das wirklich so selten ist, wie es in den Überlieferungen steht. Ich habe da so meine Zweifel.“

Der Alte war zurück in der Gegenwart und starrte auf seinen abgewetzten Kampfstab. 

„Sie ist sanft und stark wie eine meisterhafte Hexerin des nördlichen Waldordens eben sein sollte. Sie steht bis heute in der Blüte ihres Lebens und kämpft mit einem magischen Schwert aus dem Schneegestöber der eisigen Nordklamm, das sie während ihrer Hexerprüfung gefunden hat. Es trägt den Namen Frostbert.“

Der ältere Zwerg unterbrach ihn erneut: „Sie strahlt etwas aus, was die Männlichkeit begehrt. Sie hat lange und dunkle Haare, in denen blaue Strähnen hervorblitzen. Trotz einer ewigen und unabdingbaren Unerreichbarkeit ist sie diese Art von Frau, die einem Mann wohl in Sekundenschnelle den Verstand raubt, wenn er sich sofort und für immer in ihr verliert.“

Der Mann nickte und begann zu schmunzeln: „In ihrem Inneren hat die gute Seele allerdings viele Facetten und wahrlich ein zweites Gesicht.“

„Und das liegt nicht nur an ihren aschblonden Haaren und den lila-leuchtenden Strähnen, die sich nur in der Nacht zeigen, wenn das Mondlicht auf sie scheint“, führte Hackbert an, der augenscheinlich mehr über Hexerinnen wusste, als es gesund für seine Artgenossen war. 

„In jeder Nacht, in der das Dunkelmondlicht scheint, geht sie ihrer wahren Leidenschaft nach. Es ist wie ein Feuer, das sie am Leben hält, trotz ihrer frostig-kalten Ausstrahlung,“ merkte der Mensch wohlwissend an. 

Dunkelmond hinter dem Mond: Im Sternenreich gibt es viele Geschöpfe, deren Antlitz in der Nacht verändert erscheint. Der Dunkelmond hinter dem ersten Mond verbirgt eine magische Aura und reagiert auf jedes Lebewesen des Sternenreichs auf ganz natürliche Weise. Manchmal zeigt sich sein Einfluss in beinahe unsichtbaren Details und manchmal ist seine erhabene Kraft mehr als offenkundig. Doch der Dunkelmond wird zumeist vom ersten Mond versteckt gehalten, sodass sein eisig-schönes Strahlen nur selten auf die Erde und ihre Bewohner trifft.

Die Hexerin besaß seltene Relikte, denn sie jagte magische Schätze aus längst vergangenen Tagen und handelte mit Antiquitäten aus fernen Welten sogar abseits des Sternenreichs.

Der Magier blickte einmal mehr auf seinen Kampfstab und die Steinzwerge bemerkten es.  Einer der jüngeren Zwerge rief dazwischen und unterbrach die Erzählung.

„Einmal habe ich diese Hexerin gesehen. Es lief mir eiskalt den Rücken hinunter. Es war fast schon gruselig. Mein Kampfgenosse Olaf war komplett benebelt. Doch ihr Antlitz hielt mich so sehr in ihrem Bann gefangen, dass ich mich kaum noch bewegen konnte. So etwas hatte ich noch nie zuvor gesehen. So etwas... Schönes und zugleich Zerstörerisches?“

Der Zwerg wirkte schockiert und gleichermaßen erfreut über seine einzige Begegnung mit der Hexerin. Darauf biss er mit voller Wucht in seinen Fisch, den er samt Gräten verspeiste. 

„Doch es ist nicht nur das. Ihr gehört überdies ein kleiner Dunkeljahrmarkt und das ist wahrscheinlich auch ein Grund, warum sie heute jede Seele im Sternenreich kennt,“ fuhr der alte Mann mit seiner warmen Erzählerstimme fort.

„Als fahrende Händlerin tritt sie oft in einer schaurig-schönen, lilafarbenen und gänzlich verlotterten Kluft alter Hexerinnen in Erscheinung, in der sie nicht weniger Anmut ausstrahlt als in ihrem königsblauen Mantel einer Erzhexerin. Ihre aschblonden Haare sind unverkennbar schön. Und ihr erkennt sie an ihrem eisigen Dolch, Frostling, den sie zur Dunkelmondstunde immer an ihrem Bund trägt. Als Meisterin der Frostmagie kann nur eine Magiebegabte wie sie eine solch gefährliche Waffe führen, von der eine immerzu beißende Kälte ausgeht.“

Der Kampfmagier strich über seinen kurzen, welligen Bart und tauchte weiter in die Tiefen seiner Gedankenwelt ab. 

„Und da ist noch etwas. Sie führte in den alten Geschichten stets ein Ur-Grimoire, dessen lilafarbener Einband längst verblichen erscheint. Es muss schon damals unfassbar alt gewesen sein. Doch dieses kleine Büchlein ist prall gefüllt mit alten Zaubern und wohl ein echtes Schmuckstück, das viele der heutigen Zauberhochwürden nur allzu gerne in die Finger bekämen. Habt ihr schon einmal davon gehört?“ 

Zauber der Ur-Grimoires: In den alten Überlieferungen heißt es, dass in einem Ur-Grimoire etwas Unsägliches geschrieben steht... 

„Wie konnte es einer magiebegabten Person nur gelingen, einem königlichen Drachenreiter einen Todesstoß zu versetzen? Obgleich sie zu Lebzeiten durch ihre natürliche Magiebarriere als unerreichbar und unverwundbar galten, sind die Drei Drachenfürsten am Ende durch die Hand einer einzelnen Person gefallen, die ein Ur-Grimoire führte.“

Wie genau konnte das einem Menschen gelingen? Und stimmt das auch wirklich? Das ist bis heute ungeklärt. Doch ein Mysterium hält sich seit jener Kriegszeit. Die Macht eines Ur-Grimoires ist der entscheidende Schlüssel. 

Der alte Magier änderte seinen Tonfall und schaute um einiges finsterer als zuvor. 

„Aber hütet euch vor dem magischen Bann einer Hexerin. Sie sind durchaus gefährlich und nicht zu unterschätzen!“  

Er holte noch viel weiter aus: „Oh ja, meine kleinen Freunde. Macht euch da nichts vor! Unsere Hexerin ist eine sanftmütige Künstlerin der Rhetorik, doch niemand weiß, was in ihrem Innersten verborgen liegt. Wenn du schon so lange lebst, hast du einfach zu vieles gesehen, erlebt und ertragen.“ 

„Tod. Verlust. Verderben. Es gibt nur wenige Menschen, die so lange leben wie die Hexerinnen in diesem Land“, gab der älteste Zwerg zum Besten und schmatzte daraufhin lauthals auf seinem Maiskolben herum.

„Und außerdem spricht sie die alte Sprache. Euresgleichen, werter Mensch, sind mir ohnehin ein Rätsel. Es ist ungesund, so viel über die alte Welt zu wissen. Wir sollten lieber im Hier und Jetzt leben. Es gibt doch genug zu tun. Warum so viel unserer wertvollen Zeit mit der Vergangenheit verschwenden?“

Die Erst-Sprache: Die alte Sprache beherrschten nur wenige magische Geschöpfe aus grauer Vorzeit. Mit dem Ende des Grauen Zeitalters ist sie vom Antlitz dieser Welt verschwunden. Doch hin und wieder finden sich Schriften, die in jener Sprache verfasst worden sind. Zumeist bleiben sie verhüllt und der Inhalt der Schriftrollen verborgen. Sie sind so geheimnisvoll wie die Sprache selbst. Doch wenige Ausnahmen gibt es. Einige Gelehrte können diese Sprache auch heute noch deuten.

Der Magier zog einen Anhänger aus der Hosentasche und hielt ihn in seinen Becher. Ein Eisfeuer, dessen Spitze auf Knopfdruck zur Flamme entfachte oder zu Eis gefror, je nachdem, wofür man es in jenem Moment gebrauchen würde. 

Der alte Zwerg mit dem grauen Bart stellte seinen Teller Suppe zur Seite: „Ich erinnere mich, diesen Dunkeljahrmarkt besucht zu haben. Doch das ist schon sehr lange her. Die Kundschaft auf dem Jahrmarkt sind zumeist Sammler seltener Artefakte. Die Hexerin würde einen Interessenten für ihre einzigartigen und äußerst wertvollen Stücke nur allzu leicht um den Finger wickeln. Immerhin führt sie seltenes Drachenleder, Tiamatstein und machtvollen Zauberkristall. Doch das ist wohl nicht ihr Ansinnen. Jedes ihrer Artefakte gehört an einen besonderen Platz, den sie zu finden vermag. So war zumindest mein Eindruck bei meinem einzigen Besuch.“

Der menschliche Tattergreis machte den Anschein, als käme er zum Ende seiner Geschichte. Die Zwerge hatten aufgegessen und die Feuerscheite brannten ab. Doch eine Sache brannte ihm noch auf der Seele.

„Aber wisst ihr, warum ausgerechnet diese Hexerin im ganzen Sternenreich so bekannt ist? Das ist sehr bemerkenswert, wenn ihr mich fragt. Trotz der Tatsache, dass sie in ihrem nächtlichen Gewand verändert erscheint, erkennen viele sie an ihrer Frostmagie, die sie nie zurückhält.“

Der alte Zwerg wusste um ihre kleinen Zaubertricks: „Ja, ich stimme zu. Sie stellt sie eben gerne zur Schau. Sie liebt diesen Schabernack, den man mit solch einer Frostmagie anstellen kann. Tief in ihrem Herzen ist sie eine leichtfüßige Spielerin. Eine Frohnatur? Und es gibt eben nichts, was die Menschen an ihrer einnehmenden Persönlichkeit nicht lieben, wenn sie ihr nur einmal begegnen.“

Der Magier fasste sich an den Kopf und lachte: „Als würde sie manchmal vergessen, dass sie eine Erzhexerin des Ordens ist!“

Er stand auf und nahm seinen Kampfstab in die Hand. Die Steinzwerge erschraken, denn für einen Moment wirkte es, als würde er sich zum Kampf wappnen. Doch dem war nicht so. Er bereitete seinen Aufbruch vor und bedankte sich bei den Anwesenden für das Abendessen.

„Ohne die fünf Beschützerinnen des Sternenreichs würde es heute kein Reich mehr geben, das wir Kampfmagier von Khalsur zu beschützen geschworen. Manchmal helfen die Hexerinnen den Menschen, indem sie uns ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Und manchmal kämpfen sie wie Saphira als Großmeisterin der Frostmagie erbitterte Schlachten, damit wir alle den nächsten Tag in unserem ach so geliebten Sternenreich erleben dürfen. Hexerinnen sind schon etwas Besonderes. Findet ihr nicht?“

Der alte Mann verlor sich kurz in den Tiefen seiner Gedanken. Da meldete sich ein mittelalter Steinzwerg zu Wort. Norbert sprach salopp: „Eine schöne Geschichte. Aber woher weißt du eigentlich so viel über die Hexerinnen des Ordens, komischer Magiermann?“

Hackbert ermahnte ihn: „Du Zwergenschiss! Sag doch mal, wo sind denn eigentlich deine Manieren?“

„Nun ja. Das ist eine Geschichte für einen anderen Tag. Ein alter Mann begibt sich jetzt zur Rast. Es ist schon spät geworden, ihr kleinen Halunken.“

Er verlies das Lagerfeuer in dieser Nacht und kehrte zurück in die Dunkelheit, aus der er gekommen war. Nichts wissend, was das Sternenreich schon bald für einen Magier auf seine alten Tage zu planen vermochte. 

Kurze Zeit später erstarrten die Zwerge und schauten in den Himmel, an dem ein grell leuchtender Blitz zu sehen war, auf den ein ohrenbetäubender Knall über das gesamte Land fegte... 

  • Weiter geht es in Kapitel 2, das schon bald auf Zauberkram.de erscheint!